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Teilen Volker Schlöndorff: Vorhang auf, Vorhang runter
BVR-Ehrenpräsident plädiert in SZ "Für Trennung von Film und TV"

Die Evolution des Kinos steht an einem entscheidenden Punkt. Die Artenvielfalt ist groß, aber es droht eine immer stärkere Vermischung. Das Fernsehen, das sich durchaus fördernd fürs Kino einsetzt, will noch näher heranrücken. Durch die Möglichkeiten mit DVD hat die Vorstellung vom Kinofilm sich radikal verändert, die festen Konturen sind aufgeweicht. Der Film in seiner endgültigen, ein für allemal gefügten Form ist selten geworden. Alternative Fassungen, ungekürzte Director’s Cuts überfluten den Markt, das Bonusmaterial liefert immer neue Szenen und Schnipsel. Das Fernsehen nutzt die neue Amorphität, schließt sich mit den Produzenten zusammen, um große Spektakel zu schaffen, die sich erst im Kino, dann im Fernsehen auswerten lassen in längerer, fernsehgerechter Fassung. So geschah es beim “Untergang”, so ist es geplant bei den Filmen “Anonyma” von Max Färberböck, “Die Päpstin” oder “Baader-Meinhof-Komplex” von Bernd Eichinger. Sind ohne Fernsehgelder große deutsche Kinofilme nicht mehr finanzierbar, kommt das Fernsehen nicht mehr ohne solche hybride Gewächse aus? Wird womöglich das Fenster zwischen Kinoauswertung und Fernsehausstrahlung kleiner werden? Können Filme beides zugleich schaffen – echtes großes Kino und ein Event auf dem Bildschirm? Volker Schlöndorff, einer der großen Cineasten des deutschen Kinos, plädiert für die Artentrennung. SZ

A. Zu behaupten, in jeder Filmproduktion stecke ein TV-Mehrteiler, ist falsch.

Erstens, aus Kostengründen.

Es sind dieselben Produzenten, die bei Drehbuchdiskussionen aus Kostengründen um jede Sequenz feilschen, die die Scriptgirls auf bruchteilgenaues Abstoppen jedes gedrehten Meters und jeder Drehbuchseite einschwören, die jetzt behaupten, es sei immer genug da, um ein fast doppelt so langes Programm zu liefern. Meine Erfahrung: ob bei großen Produktionen, wie “Die Blechtrommel”, ob bei kleinen, wie “Der neunte Tag”, immer fehlt es zum Schluss im Schneideraum an ein paar wesentlichen Einstellungen und Sequenzen. Diese Filme mussten so ökonomisch gedreht werden, dass nicht einmal für einen verlängerten “Director’s Cut”, wie bei üppigen Hollywood-Produktionen, genug Material übrig war.

Bei den jetzt geplanten und in Arbeit befindlichen Mehrteilern ist man gezwungen, bis zu 200 Minuten statt der etwa 110 Minuten Spielfilmlänge zu liefern, innerhalb eines nicht wirklich verdoppelten oder annähernd erhöhten Budgets und Drehplans, sieht sich somit von vornherein zum Schludern gezwungen. Keine einzige Sequenz kann mehr mit der für einen Spielfilm erforderlichen Sorgfalt gedreht werden, immer heißt es, für die Fernsehfassung ist das gut genug. Es ist eben ein “Verschnitt”, in dem Sinne, wie das Wort bei Weinpanscherei verwendet wird, jedenfalls kein “Grand Cru”.

Zweitens, aus erzählerischen Gründen.

Es liegt in der Natur des Spielfilms, eine Geschichte so knapp und mit so wenig Mitteln wie möglich zu erzählen. Diese Filmsprache hat sich in Wechselwirkung zwischen Machern und Publikum über die Jahrzehnte weiterentwickelt. Gerade auch epische Filme, so verschieden wie “La Dolce Vita”, “Vom Winde verweht”, “Lawrence von Arabien”, “Blade Runner”, und erst recht die großen und kleinen Dramen, von “Casablanca” über “Das Appartement” bis zu “American Beauty”, von Komödien gar nicht zu sprechen, haben in ihrer festen Spielfilmlänge einen erzählerischen Bogen, ohne den keine Emotion und keine Spannung entstehen kann.

Wie Billy Wilder vom Kino sagt: Irgendwann geht der Vorhang hoch und irgendwann geht er wieder runter, in der Zeitspanne dazwischen erzählst du deine Geschichte, musst du die Leute an der Gurgel packen und darfst sie nicht mehr loslassen. Das bedarf eines ausgeklügelten Drehbuchs, einer festen Struktur.

Die Sehgewohnheiten des Fernsehpublikums sind dagegen andere, ebenso die Machart der TV-Serien und Event-Programme.

B. Zu behaupten, aus jedem TV-Mehrteiler ließe sich ein Kinofilm zusammenschneiden, ist ebenso falsch. “Der Untergang” war eine Chronik, deshalb sowohl in 100 Minuten wie scheibchenweise als Fortsetzung zu erzählen und zu senden. Statt der letzten zehn, hätte man auch die letzten hundert oder die letzten drei Tage im Führerbunker erzählen können, Stoff gab es genug, um beliebige Längen herzustellen. Ein Strukturproblem gab es nicht, denn eine Chronik erzählt immer nach dem Muster “Und dann . . . und dann . . . und dann . . .”

Das war aber ein Einzelfall, der sich nicht zur Verallgemeinerung eignet. Schon “Das Parfum”, ebenfalls eine Constantin-Produktion, dürfte schwer als TV-Zwei- oder Dreiteiler durchzusetzen sein, weil der Spannungsbogen nicht tragen würde. Es gäbe zwar mit mehr Morden genug Material, aber es wäre nur “more of the same”.

So lässt sich zwar jedes klassische Meisterwerk, ob Tragödie oder Komödie, auch als Seifenoper verwursten, schwerer ist es, aus einer solchen Serie ein einziges Meisterwerk herzustellen. Sonst könnte man ja zum Beispiel aus “Dallas” einen großartigen Spielfilm machen – bei der Menge Material! Es lässt sich aber im Schneideraum nicht so verdichten, dass es je eine neunzigminütige Einheit ergäbe. Um zusammenfassen zu können, muss von vornherein anders geschrieben werden, und da fängt die Kunst erst an, an der die meisten scheitern.

Insgesamt ist es ein Schlag ins Gesicht der Filmgeschichte, zu behaupten, es gäbe von Natur aus keinen Unterschied zwischen großem Spielfilm und Fernsehmehrteiler, jeder Spielfilm verfüge im Schneideraum ohnehin über genug Material, um ihn auch auf die Länge eines Zwei- oder Dreiteilers zu strecken. Bei dieser Argumentation geht es nur darum, alle Fördertöpfe und Finanzierungen auf diese Art Projekte und insbesondere Fernsehprojekte passend zu machen. Wenn das eine Notwendigkeit ist, und es ohne diese “Best-of”-Machart keinen deutschen Film einer gewissen Größenordnung mehr geben kann, dann sollte man das klar aussprechen.

Zur Zeit potenziert sich hier eine doppelte Begehrlichkeit:

- die der Fernsehgroßproduzenten auf die Fördertöpfe des Films,

- die der Filmproduzenten auf die Lizenzerlöse von Mehrteilern.

Sollte diese unheilige Allianz sich durchsetzen, wird sie wie ein Staubsauger alle Töpfe leeren, der deutsche Film, mit ihm die Kinos und die Verleiher, werden auf der Strecke bleiben.

Volker Schlöndorff

SZ vom 12.7.2007

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