Mitgliedernews
Teilen SHOPLIFT-KULTUR: Rolf Silber zur Tendenz piratistischer Netzpolitik in den Parteien
und anderen postmodernen Problemen des Urheberrechts

Es hilft nichts. Die Piraten als politische Eintänzer laufen vor, die Grünen – in frei flottierender Schlachtbankpanik – galoppieren im Schweinsgalopp hinterher, selbst in Teilen der CDU betört man sich ebenfalls daran: Das Urheberrecht steht offenbar allen im Weg, die dem Konsumenten erleichtern wollen die Ideenträger dieses Landes zu erleichtern. Klingt polemisch? Meinetwegen. Hat aber leider eine sehr reale Basis..

Zwar gerieren sich die vom Freibeuter-Virus infizierten Politiker sowohl als technische wie als kulturelle Avantgarde – nur ist der Mechanismus uralt. Man verfüttert Sachen, die einem nicht gehören, möglichst für lau, an das Wahlvolk. Und führt als Begründung an, die Technik würde einem ja keinerlei Chance lassen. So eine Art kleptomanischer Sachzwang: Die Dämme des Urheberrechts sind ja angeblich schon gebrochen. Da kann man den Kreativen entweder achselzuckend den Platz im Rettungsboot streitig machen oder sie gleich mit einem Stein am Hals über Bord werfen.

Die Perfidie in vielen der momentan grassierenden Argumenten ist, zu allem Überfluss, die begierig aufgegriffene Behauptung, man würde hier ja nur die „Kulturindustrie“ in die Schranken weisen wollen. Als würden in dieser Industrie nicht sehr viele, ganz konkrete Menschen arbeiten, als würde man nur mit einem finsteren Abstraktum ringen.

Und dann werden lustige Ideen in die Welt gestreut, wie sich die Bezahlung von Künstlern und Kulturschaffenden künftig über Netzplattformen lösen lassen sollen. Diese Lösungen sind nicht zuletzt deshalb so lustig, weil sie in den meisten Fällen wiederum nur der Industrie zugute kommt. Nur halt einer anderen als der klassischen Content-Industrie.

Nun hat diese die Urheber ja auch über die Jahre extrem stark enteignet – selbst die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten machen ja gerade vor, wie man Kreative künftig noch mehr schröpfen will, indem man ihnen erpresserische Vertragsbedingungen diktiert. Und die Kreativen haben keine Chance – es sind zu wenige und es gibt, wo eine „Lobby“ denn überhaupt erkennbar wird, nur eine die (s.o.) gegen sie gerichtet ist.

Also: Alles rennt ins Netz und verhält sich, wie bei der Plünderung von Baghdad und die Politik freut sich, dabei zu helfen. Während auf den Web-basierten Plattformen von deren Besitzern Millionen geschaufelt werden, kommen künftig bei den Künstlern mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger als Brosamen an. Was im Prinzip noch nicht mal generell die Schuld der Plattformbetreiber ist.

Sie sind ja „nur“ die Türsteher, die extrem flache Flatrate-Tarife aufstellen, die für sie selbst sich auch nur über die schiere Masse bezahlt machen. Würden sie ihre Millionen mit in den Topf geben, würde dieser für Künstler & Kulturschaffende ja nicht wirklich spürbar größer. Schnäppchenjagd im Haus der Anderen, der Kreativen, also.

Und beim digitalen Schlüsselverleih kriegt man, für kaum nennenswertes Geld, nicht nur den Öffner für den Kühlschrank wie den Weinkeller. Man wird auch noch ideologisch „geadelt“, wenn man diejenigen enteignet, die zukünftig kaum noch etwas haben ausser ihren Ideen – weil die Shoplifter ja angeblich nicht nur gegen „die Industrie“ zu Felde ziehen, nein, sie sehen sich als Avantgarde künftiger digitaler Kommunikationsparadiese.

Die Kollegen aus der Musikbranche sind ja schon erheblich weiter die Bachgasse runter als wir, die wir bei Film & Fernsehen arbeiten. Wir kriegen nur derzeit die Hosenbeine abgeschnitten, während die Musiker schon länger im Slip dastehen. Das liegt an der Tatsache, dass Film zwar grundsätzlich fast genauso leicht zu Piratisieren ist wie Musik. Aber sowohl die Datenmengen wie die Qualitätsfragen bei gerippten Filmen bilden – gerade noch – ein wenn auch kleines Hindernis gegen Plünderung.

Was einem aber aus einschlägigen Foren und Diskussionen manchmal entgegenschallt, hat in einem immer wieder beförderten Nebenargument, das aus atemberaubenden Nichtwissen über die Produktionsweise von Film gespeist ist, zudem zusätzlichen Schwung generiert: Da wird die „Demokratisierung“ des Mediums durch die neue Technik gefeiert, aus der sich neue Rechtsnormen angeblich folgerichtig ergäben.

Im Prinzip ist das ja keine schlechte Sache: Jeder kauft sich seine Canon 5D oder seine Panasonic GH2 und packt sich FCPX auf die Apfelkiste und ist schon ein kleiner Spielberg im Wartestand. Das Ergebnis sind hunderttausende wilder Wackelvideos auf youtube und Vimeo zu gerippter Musik – untermischt mit allerdings, das sei gesagt, echten Perlen, großartigen Ideen, ungewöhnlichen Lösungen für das kleine Budget. Soweit, so gut.

Daraus leitet sich aber für manche Diskutanten in Urheberrechtsfragen die leicht surreale These ab, hier erkenne man die Zukunft von Film & Fernsehen „in toto“. Rein technisch gesehen, ist auch das ja gar nicht mal so falsch. Die deutlich zunehmende Nutzung von Mediatheken der ÖR-Sender ist ja ein erster Hinweis und auch die Privaten stürzen sich auf den web-based Content. Niemand weiß genau, welches „Geschäftsmodell“ nun wirklich dahinter steht, aber man versucht es. Zu Recht, übrigens.

Aus dem zuvor gesagten und der Tendenz, „Ausstrahlungen“ ins web zu verlegen (mit dem schönen Nebeneffekt hier eine „Kaskade“ wie das Wiederholungshonorar zu minimieren), ergeben sich aber für Urheber und Filmschaffende ganz allgemein erneut fatale Folgen.

Zunächst wäre es wichtig, mit einem wenig durchdachten Argument aufzuräumen: Film wird durch digitale Technik nicht per se billiger. Er wird „beweglicher“. Das eine andere Kamera am Drehort steht, ändert am Drehort selber und den dort stattfindenden Arbeitsvorgängen fast nichts. Und da, wo Geld eingespart wird, muss es oft an anderer Stelle wieder ausgegeben werden.

Das trifft, ebenfalls zugegeben, vor allem das professionelle Film & Fernsehschaffen. Also die Leute, die von der mehr oder minder irrigen Ansicht ausgehen, dass ihre Arbeit entsprechend der meist enormen Wochenarbeitsstunden, auch bezahlt wird. Wer unter dem Prinzip „Selbstausbeutug durch unbezahlte Arbeit“ produziert und einen Filmstoff entsprechend „konfektioniert“ – für den wird die Frage, ob er mit einer kleinen Digitaldose dreht, wirklich auch ökonomisch wichtiger. Für den, der ohnehin nix hat, ist Kleingeld eben schon so was Reichtum.

Unter solchen Bedingungen lässt sich aber nur in Ausnahmefällen wirklich vernünftig oder kontinuierlich arbeiten. Letzten Endes geht es nur, wenn drum herum ein funktionierendes professionelles Arbeitsfeld besteht und der einzelne Filmschaffende dort sein Geld verdienen kann und dann für sich die Entscheidung trifft, dass er für ein bestimmtes Projekt auf eine Gage verzichtet. Soweit, so gut.

Nun verstehe ich ja, dass z.B. Bundestagsabgeordnete eventuell von Rührung erfasst werden, wenn ihre Kids mit ihrer Canon rausrennen und für einen Laien schon ganz schön passable Bilder zusammen murksen, die mit dem Soundtrack von „Gladiator“ begossen, Kinoanmutungen vortäuschen. Ich erhebe – bis auf die Frage der Musikrechte – bis hierher noch keinen Einwand.

Aber: Aus solchen mal schlechteren, mal besseren und gelegentlich sogar richtig sehr guten „Spots“ von 3 bis 15 Minuten Länge abzuleiten DAS wäre nun die Zukunft der Branche und dem müsse man gegen die Behinderungen durch das Urheberrecht freie Bahn brechen, hat eine ähnliche Gedankentiefe, als würde man die deutschen Bäckereien zum Sturm durch die Massen der Frühstückszubereiter freigeben, weil die – zugegeben – auch mal ein Brötchen backen können.

Plünderung als Geschäftsidee funktioniert nämlich nur auf den ersten Blick und nur für den Moment, wo noch genug vorbestehende Sachen da sind, die man auf die Straße zerren und als Beute mit nachhause nehmen kann. Warum soll sich jemand um vier in der Frühe in die Backstube stellen, wenn er weiß, er kriegt seine Produkte entweder geklaut oder er muss sie für einen Preis verramschen, der schlichtweg nicht Existenzerhaltend sein kann?

Tatsächlich sind „Auswertungskaskaden“ und andere scheinbare Behinderungen für Film von existentieller Wichtigkeit – es sei denn, Filme entstünden ausschließlich in einem Öffentlich-Rechtlichen Zusammenhang, wo mit der Gebühr die Nutzung zumindest theoretisch schon abgegolten ist. Natürlich behindern Auswertungskaskaden im Prinzip die freie Fahrt auf der Datenautobahn. Eine generelle Geschwindigkeitsfreigabe im Netz, so wie sie von der EU-Kommission mit Macht gefordert wird, führt aber genau so schnell zur Massenkarambolage.

Für Filmurheber sind alle diese Entwicklungen aber vor allem in ihrer Summierung potentiell tödlich: Im Gegensatz zu Musikern haben sie nämlich noch nicht einmal die – wenigstens theoretische – Möglichkeit, mit ihren Produkten auf einer Bühne aufzutreten und damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Im Gegensatz zu Musikern ist ihr Produkt fast immer affenartig teuer und entsteht – bis auf die oben geschilderten Ausnahmen, die immer Ausnahmen bleiben müssen – in einem hochkomplexen künstlerisch-technischen Umfeld.

Dieses Umfeld hat zudem eine „untere Einstandsgröße“. Wenn die ökonomische Basis bei gleichzeitig gestiegenem persönlichen Risiko weiter erodiert – und damit sind jetzt ganz unmittelbar die Filmschaffenden selber gemeint, deren Gagen, bis auf die wenige Ausnahmen, die durch die Presse gezogen werden, ohnehin immer dünner werden – wenn diese Basis also ausgedünnt wird, dann ist das System in Gänze in der Gefahr schlichtweg auszubluten.

Nationale (Film-) Kultur kann man dann vergessen: Dann wird es zwischen Schlachtschiffen wie „Piraten der Karibik Teil 12“ der anderen ökonomischen Kriterien unterliegen mag, Promotion-Clips und dem total geilen, No-Budget-Splattermovie unseres Bundestagsabgeordneten-Sohns nicht mehr viel geben. Dann fahren auf der großen, bunten Datenautobahn, auf Film bezogen, eventuell nur noch die Ferraris und das eine oder andere lustige Goggo-Mobil.

(Der Autor ist Drehbuchautor und Regisseur sowie Vorstand der VG Bild-Kunst)

Top
Login Magazine: Startseite / Aktuelles